Venedig: Mit 5 Knoten durchs Freilichtmuseum

Venedig: Mit 5 Knoten durchs Freilichtmuseum

Der Knall der Kollision eines großen Kreuzfahrtschiffes mit der Kaimauer von San Basilio, rund 2 Kilometer Luftlinie von Venedigs Wahrzeichen, dem Markusplatz entfernt, fiel im Gegensatz zum internationalen Medienecho verhältnismäßig klein aus. Im Zentrum steht die Sorge um das Wohlergehen der empfindlichen Museumsstadt. Als leidenschaftlicher Kreuzfahrtpassagier wird man wegen der Thematik CO2 Bilanz bereits angezählt – meine Adria-Kreuzfahrt mit der Azamara Pursuit ab Venedig, knapp eine Woche nach dem Fiasko, löst noch mehr Kopfschütteln aus. Daher packt mich der Drang, mehr über die Hintergründe zu den problema der Lagunenstadt herauszufinden. Noch bevor es an Bord des eleganten Boutique-Kreuzfahrtschiffs geht, auslegt für gerade einmal knapp 700 Passagiere, trete ich in den Dialog mit der Organisation No Grande Navi (gegen große Schiffe). Ich möchte wissen, was diese Organisation auf den Plan ruft. Neben dem Schutz des Weltkulturerbes geht es hier vor allem um das Wohl der Venezianer, die im historischen Teil der Lagunenstadt wohnen. Mittlerweile ist deren Zahl auf unter 50.000 gesunken. Ihnen gegenüber stehen jährlich 30 Millionen Touristen, die durch die Entwicklung der Hotelindustrie, Appartementvermietung und touristischer Anlagen weiter im Aufwärtstrend liegen. Dabei fällt von den 30 Millionen der Anteil der Kreuzfahrtindustrie überraschend klein aus: 1,56 Millionen Kreuzfahrttouristen waren es im Jahr 2018.

Links: Unser kleines Boutique Kreuzfahrtschiff Azamara Pursuit; Mittig und rechts: MSC Kreuzfahrten
Venedig ist eines der beliebtesten Reiseziele in Europa und UNESCO-Weltkulturerbe

Vor Jahren arbeitete die No Grande Navi mit Regierungsbüros in Kroatien und mit der örtlichen Universität Ca’FOscari zusammen, um die Gesamtkosten der Kreuzfahrten in Bezug auf Umweltverschmutzung und Stadtschäden zu ermitteln. Doch auch durch eine Anwendung einer Entrance Tax, wie sie in Amsterdam aufgerufen wird (8 Euro pro Passagier), die die Organisation zwar als mögliche Abschreckung sieht, ändert trotzdem nichts daran, dass Kreuzfahrtschiffe, die den Preis dafür zahlen, Stadt und Umwelt weiter belasten. Doch was heißt eigentlich aus Sicht der Contra-Kreuzfahrt-Organisation No Grande Navi große Schiffe? 40.000 Tonnen ist die Obergrenze, die von der Organisation angegeben wird. Für mein Schiff gibt die Reederei Azamara 30.277 Bruttoregister Tonnen an, Haken hinter. Es gibt bereits ein Gesetz dazu, dass schwereren Schiffen die Einfahrt verbietet. Doch der zweite Artikel des Gesetzes friert die Anwendung des Limits ein, bis eine Alternative zum Kreuzfahrthafen definiert ist. In Frage kommt der auf dem Festland gelegene Hafen Marghera, geprägt von Großindustrie und Schweißfunken des Werftbetriebs der Fincantieri – Cantieri Navali Italiani S.p.A.. Hier läuft der Kreuzfahrtbau auf Hochtouren: Kreuzfahrtschiffe, die für über 4.000 Passagiere ausgelegt sind, entstehen so direkt vor den Toren Venedigs. Übrigens liegen die Besitzeranteile der Werft größtenteils in den Händen des italienischen Staats. Dato di fatto – Fakt ist, der Kreuzfahrtbau und Kreuzfahrtanläufe sind starke Motoren für die italienische Wirtschaft. Und die Reedereien bedienen ihre Marketinginstrumente auf allerhöchstem Sterne-Niveau: Es werden Träume, Komfort, Landvergnügen und bildschöne Aussichten verkauft, was in besonderem Maße natürlich auch auf Venedig, die Kaiserin der Kreuzfahrträume, zutrifft.

Exponiert und unverbauten Blick auf San Marco bieten die Kreuzfahrtschiffe

Wir sind auf dem Sonnendeck, die perfekte Aussichtsplattform, und die kleine Azamara Pursuit bewegt sich gesichert mit zwei Schleppern durch die Lagunenstadt. Der Anblick ist einfach umwerfend. Venedig gleicht dem schönsten Freilichtmuseum Europas und lässt ein vermeintlich schlechtes Gewissen in weite Ferne rücken. Für den Erhalt schöner Erinnerungen setzt sich auch die australische Bordkünstlerin Georgina ein. Sie verfügt über ein eigenes Atelier auf Deck 5, darüber hinaus sind ihre Werke in Galerien in Brisbane, Adelaide, Perth, Sydney und Melbourne zu sehen. Gemeinsam schwärmen wir über die Schönheiten des Mittelmeers. Wenn Georgina mit Aquarell und Stift eines ihrer Werke beginnt, stehen dabei vor allem Kinder vor Naturkulissen im Mittelpunkt. Doch wenn sie nicht auf dem siebten Kontinent ist, sondern auf hoher See unterwegs, lässt sie sich von den Kreuzfahrtdestinationen inspirieren – und da nimmt Venedig einen ganz prominenten Platz ein. Mit Farbtuben und Pinseln wurden wunderbare Bilder von Gondelfahrern, San Marco und Co. geschaffen: Ich danke Georgina fürs Festhalten dieser Momente und gehe mit tollen Eindrücken von Bord.

Blick in das Atelier der australischen Bordkünstlerin Georgina
Umwerfender Panoramablick auf Venedig, lässt ein vermeintlich schlechtes Gewissen in weite Ferne rücken


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